Internationaler Jugendaustausch 2017 in Finnland

Am 21.07.2017 war es endlich wieder soweit, der von der EU geförderte Internationale Jugendaustausch (IJA) konnte beginnen. Da wir 2013 selbst Gastgeber und 2015 bereits in Portugal waren, war nun Finnland an der Reihe, den alle zwei Jahre stattfindenden Austausch auszurichten. Um euch einen kleinen Eindruck zu vermitteln, wo uns die Reise hin verschlug, was wir unternommen und erlebt haben,  gewähren wir euch einen kleinen Einblick in unsere Tagebücher…

Tag 1

Heute ging es nach langer Vorbereitung und ganz viel Vorfreude endlich los. Nachdem wir uns an der S-Bahn getroffen hatten und sich herausstellte, dass die noch fehlenden Jugendlichen sich bereits auf eigene Faust auf den Weg zum Flughafen gemacht hatten, fuhren wir gemeinsam mit der Bahn zum Flughafen. Nach gut 2 Stunden Flugzeit und einer Stunde Zeitverschiebung landeten wir endlich in Helsinki. Dort wurden wir von unserem finnischen Kollegen freundlich in Empfang genommen und er lotste uns durch die Stadt zum entlegenen Jugendzentrum Laajasalo. Da es bereits fast Mitternacht war, schliefen die meisten der anderen Jugendlichen bereits, und nach einem kurzen Abendessen schlugen auch wir das Nachtlager in der Skatehalle zwischen Minirampen, Quarter- und Halfpipes auf.

Tag 2
Da der enge und bis ins Detail geplante Tagesablauf keinen Müßiggang erlaubte, ging es heute nach dem Eintreffen der finnischen Jugendlichen bereits um 8 Uhr los in die Innenstadt Helsinkis. Das erste Ziel war die einzigartige Seefestung Suomenlinna. Die 1748 erbaute Festung befindet sich auf einer vor den Toren Helsinkis liegenden Insel und zeugt von der bewegten Geschichte der umkämpften Hafenstadt Helsinkis, ihren Besatzungen, Eroberungen und Befreiungen. Über all das konnten wir uns im Suomenlinna-Museum informieren. Nachdem wir die Insel zu Fuß erschlossen hatten, ging es mit der Fähre zurück ans Festland und schnurstracks in das All-You-Can-Eat Restaurant „RAX“. Das unersättliche Angebot wurde maßlos ausgeschöpft, ohne dass wir daran dachten, dass als nächstes die Erkundung der Innenstadt auf dem Programm stand. Alle Jugendlichen hatten nun 2 Stunden Zeit die Stadt zu besichtigen, Einkäufe zu tätigen und taten dies – dem Völlegefühl trotzend – mit großer Freude.


Noch etwas erschöpft von der Reise und müde von der ersten kurzen Nacht ging es am frühen Abend zurück ins Jugendzentrum und nach einem kurzen Abendsnack schnell ins Bett, denn auch der nächste Tag stellte wenig Chancen in Aussicht, sich zu erholen.

Tag 3
Wer den Rat der finnischen Kolleg_innen ignoriert hatte und am Abend nicht frühzeitig schlafen ging, wurde nun eines Besseren belehrt. 4:30 Uhr Abfahrt! Da der Busfahrer keine Zweifel daran ließ, dass er nicht auf uns warten würde und ein Flugzeug dies üblicherweise auch nicht tut, hieß es nun in Windeseile seine in der vorherigen Nacht verstreuten Habseligkeiten zusammenzuraffen und sich einen Platz im Bus zu sichern. Der Flug sollte weit in den Norden Finnlands nach Ivalo gehen, einer eher verschlafenen Kleinstadt mit 7000 Einwohnern im finnischen Teil Lapplands. Nach einer weiteren Stunde mit dem Bus erreichten wir endlich das malerisch gelegene Jugend- und Naturtourismuszentrum „Vasatokka“. Unsere Unterkunft lag direkt an einem kristallklaren See, umgeben von nahezu unberührter Tundra. Da Ivalo nur gut 200 km vom nördlichen Polarkreis entfernt liegt, wird es hier zu dieser Jahreszeit nicht dunkel. Überwältigt von der Natur und noch etwas angeschlagen von den kräftezehrenden ersten 2 Tagen hieß es nun erstmal anzukommen, sich auszuruhen und sich einzugewöhnen.

Um sich richtig kennenzulernen und als Gruppe zusammenzuwachsen starteten die Jugendlichen aus Irland mit einigen Aufwärm- und Kennlernspielen. Anschließend wurden gemeinsam die Regeln für die kommenden 8 Tage zusammengetragen und von jedem Einzelnen unterschrieben. Nach dem Abendessen hielten die finnischen Jugendlichen einen Vortrag über Finnlands Natur, seine Bewohner und das sogenannte „Jedermannsrecht“. Da die Natur in Finnland eine große Rolle spielt, legt dieses Gesetz fest was in freier Wildbahn erlaubt und was verboten ist. Abschließend erfuhren wir noch eine Menge über Finnlands Kulturen, Minderheiten und deren Diskriminierung. Dabei standen vor allem die Ur-Einwohner Lapplands, die „Sami people“ im Fokus.

Tag 4
Der heutige Tag begann, wie von nun an jeder Morgen, mit einem reichlichen Frühstück und einem Aufwärmspiel, um satt und wach in den Tag zu starten. Im anschließend statt findenden Workshop lernten die Jugendlichen aus natürlichen Rohstoffen wie Rentierknochen und Leder Schmuck in der Tradition der Sami-Kultur anzufertigen. Dann wurden in feierlicher Prozedur die von den verschiedenen Ländern mitgebrachten Flaggen nebeneinander gehisst. Neben den Flaggen der Teilnehmerstaaten Irland, Portugal, Finnland, Deutschland und der Flagge der Europäischen Union, wurde auch die Sami-Flagge der Ureinwohner Lapplands gehisst. Und auch für den besten Fußballclub der Welt fand sich ein Platz am Fahnenmast… ;-)


Nach dem Lunch hatten die Jugendlichen die Möglichkeit, bei unterschiedlichen angeleiteten Spielen wie Minigolf, Klettern oder Bogenschießen miteinander in Kontakt zu kommen und sich besser kennenzulernen. Das Highlight des Abends war aber unbestritten das erfrischende Hin- und Her zwischen finnischer Sauna und dem ebenso klaren wie eiskalten Wasser des Mutus Sees, der direkt vor unserer Tür lag.

Tag 5
Am heutigen 5. Tag stand eine Busfahrt zum nördlichsten Kap Lapplands an. Das traditionell zubereitete Mittagessen gab es „on the Road“, bei wunderschönem Ausblick auf die Küstenlandschaft Lapplands. Angekommen am Kap wurde schnurstracks der Strand gestürmt und trotz sportlicher Wassertemperaturen gab es kein Halten mehr. (Fast) alle stürzten sich in die Fluten. Da in Lappland Rentiere sowieso überall sind und mitmischen, war es nicht verwunderlich, dass auch sie einen schönen Tag am Strand zu schätzen wissen. Am Abend hörten wir einen weiteren, sehr spannenden Vortrag über natürliche Ressourcen im Handel und in der Wirtschaft der unterschiedlichen europäischen Mitgliedsstaaten.

Tag 6
Auch der sechste Tag des Austausches stand ganz im Zeichen des Rentieres. Während unseres Besuches einer traditionellen Rentierfarm erfuhren wir alles über die Haltung von Rentieren und deren Bedeutung für die Sami früher und heute. Während Rentiere noch vor einigen Jahrzehnten absolut unverzichtbar für die Herstellung von Kleidung, Werkzeugen und Nahrung und als Fortbewegungsmittel waren, so dienen sie heutzutage hauptsächlich als Lieferant für Fleisch und Leder. Von nun an stand auf dem Speiseplan regelmäßig Rentier, was nach der persönlichen Bekanntschaft der kulleräugigen Wesen nicht jedermanns Sache war.


Abends konnten sich die Jugendlichen dann selbst in ihrem handwerklichen Geschick und ihrer Kreativität üben, indem sie aus natürlichen oder recyclebaren Rohstoffen nützliche und weniger nützliche Gegenstände erfanden, die später versteigert und von einer Jury gekürt wurden.Beim Abendessen lernten wir die zweite nicht wegzudenkende Rohstoffquelle Lapplands näher kennen. Es gab Fisch aus dem See Mutus, den die Finnen am Ufer frisch räucherten und zu Abend servierten.

Tag 7
Heute fuhren wir nach Inari, der Hauptstadt der finnischen Sami. Sie ist das Zentrum und das Herz, der in den 90 -er Jahren, fast ausgestorbenen Kultur der Urbewohner Lapplands. Hier befindet sich unter anderem das Nationalmuseum „Siida“ und das Sami Parlament, der Sitz der Sami Regierung, die seit 1996 über Belange der Sprache und Kultur autonom entscheidet.

Um das geschichtliche Hintergrundwissen aufzubessern, besuchten wir das Sami Museum „Siida“. Hier wird jede nur erdenkliche Information rund um die Geschichte Lapplands, die Sami Kultur, seiner Urbevölkerung und deren Sprache zusammengetragen. Wer denkt Finnisch sei kompliziert, der sollte sich mal mit Sami befassen ;-) Besonders anschaulich und spannend ist ein, aus Hütten und Zelten errichtetes traditionelles Dorf, im angrenzenden Wald, durch das wir geschlendert sind. Im Regierungsgebäude Inaris durften wir den Sitzungssaal besuchen und sahen uns einen Film über das heutige Leben der Sami an. Am Abend wurde wieder ausgiebig der wohl beliebtesten finnischen Tradition nachgegangen, der Sauna.

Tag 8
Der heutige Tag begann mit einem Kanutrip auf dem Kettujoki. Da wir zu viele Menschen waren, paddelte der ein Teil die 3 km flussaufwärts, die andere Hälfte der Gruppe fuhr die Boote dann flussabwärts zurück. Obwohl 3 km nicht die Welt sind können sie, angesichts der unzähligen Mücken, zu einem wahren Martyrium werden.
Am Nachmittag stiegen dann die großen Spiele. Es war Zeit für die Camp Olympics. Dabei wurden verschiedene Stationen aufgebaut, die den ca. 8-köpfigen Teams Geschicklichkeit, Teamabsprache und Einfallsreichtum abverlangten.
Abends stellte dann jedes Land seine traditionellen Spiele seit den 50er Jahren vor. Die Bandbreite war beeindruckend und ging von portugiesischem Kreiselwerfen über Hula-Hoop Reifen bis hin zu diversen Brett- und Gesellschaftsspielen. Auffallend war, dass sich die Spiele der unterschiedlichen Länder immer mehr anglichen je näher wir der Gegenwart kamen. Spielekonsolen der Welt, vereinigt euch!

Tag 9
Das Beste zum Schluss dachten sich wohl die Planer des Wochenprogramms. Wer gestern bei der 3 km Wanderung nicht auf seine Kosten kam, konnte heute nachlegen. Die Schlauen unter uns blieben, unter fadenscheinigen Ausreden, im Camp und die Unwissenden oder Mutigen machten sich per Bus auf den Weg in die finnische Tundra. Von dem, am Fluss gelegenen Jäniskoski, sollte es auf den höchsten Gipfel der Region Otsamotunturi gehen. Laut Navigation und Karten mit Hin- und Rückweg 14 km. Mit durchnässten Füßen und einem Heer von Mücken im Rücken ging es dann quer durch die unberührte Natur Lapplands. Auf dem Gipfel angekommen katapultierten sich die Portugiesen auf der Beliebtheitsskala an die Spitze, indem sie Feuer machten und diverse portugiesische Wurst- und Käsespezialitäten zubereiteten. Obwohl sich alle einig waren, dass der Gipfel deutlich mehr als 7 km vom Ausgangsort entfernt sei, fand sich eine Gruppe Übermütiger, die vom Gipfel aus den 5 km längeren Weg durch die Berge direkt ins Camp einschlug. Wie auch immer wir das schafften, am Abend waren alle mehr oder weniger wohlbehalten im Camp angekommen und zählten die Blasen an den Füßen und die Mückenstiche am Körper. Obwohl heute genug Kilometer bewältigt und Gipfel erklommen wurden, ließ der nächste Programmpunkt nach dem Abendessen nicht lange auf sich warten. Discotime! Von traditionellen finnischen Paartänzen, über Limbo bis hin zum Macarena wurde alles getanzt…und mit Blick auf den nahenden Abschied am nächsten Tag schon die ersten Abschiedstränen vergossen. Doch dagegen gibt es ein finnisches und ein portugiesisches Heilmittel. Mit portugiesischen Köstlichkeiten vom Grill und finnischer Gemütlichkeit in der Sauna klang der letzte Abend aus.

Tag 10
Was soll man hier schreiben? 10 wunderschön-anstrengend-bezaubernde Tage gehen vorüber und viel ist bereits vom nächsten Internationalen Jugendaustausch in 2 Jahren die Rede. Auf ein Wiedersehen in Irland! Näkemiin!